Schwarzmarkt oder Schützenverein? Die nackten Behörden-Daten zu Tatwaffen in Deutschland!
Was die amtlichen Auswertungen zur Herkunft sichergestellter Tatwaffen hergeben, und was sie eben nicht hergeben. Mit Bezugsgrößen, Erhebungsjahren und der Datenlücke, die für beide Seiten der Debatte gilt.
07.08.2026 · Aktualisiert: 07.08.2026
Die Polizei stellt bei einer Straftat eine Schusswaffe sicher. Woher kommt sie? Vom Sportschützen aus dem örtlichen Verein, vom Jäger, oder aus einer ganz anderen Ecke? Dieses Video geht die amtlichen Auswertungen durch und benennt genauso deutlich, wo sie aufhören.
Zur Größenordnung: Nach dem BKA-Bundeslagebild Waffenkriminalität 2024 lag der Anteil der Delikte unter Verwendung von Schusswaffen bei 0,16 Prozent aller in der Kriminalstatistik erfassten Straftaten. Dieselbe Quelle nennt 4.685 Fälle, in denen mit einer Schusswaffe gedroht wurde, und 4.775 Fälle, in denen tatsächlich geschossen wurde. Der Unterschied ist wichtig: „Gedroht” setzt laut Lagebild nur voraus, dass sich wenigstens ein Opfer subjektiv bedroht gefühlt hat, das kann auch eine Spielzeugpistole sein.
Davor stehen 3 sauber zu trennende Sektoren. Der erlaubnispflichtige Legalbesitz umfasst nach den Kennzahlen des Nationalen Waffenregisters zum Stichtag 31. März 2026 rund 928.250 private Waffen- oder Waffenteilbesitzer mit 5.005.607 Schusswaffen. Erlaubnisfrei sind Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen mit zugelassener Bauart und PTB-Zeichen sowie Druckluftwaffen bis 7,5 Joule mit dem F im Fünfeck, wobei der Gesetzgeber die Erlaubnisfreiheit bei Druckluftwaffen im Juli 2025 zusätzlich an Bauart und Zulassungszeitpunkt des Kennzeichens geknüpft hat (Anlage 2 Abschnitt 2 Unterabschnitt 2 Nr. 1.1 WaffG). Der dritte Sektor ist der illegale Bestand, der sich nicht beziffern lässt und dessen Strafrahmen § 52 WaffG regelt.
Die Zahlen zur Herkunft stammen aus einer Fachveröffentlichung von Dobat, Heubrock und Stöter in der Kriminalistik 12/2006. Für 2002 wurden bei 1.538 Fällen 1.742 Schusswaffen sichergestellt: 912 erlaubnisfrei (52,4 Prozent), 738 ohne erforderliche Erlaubnis besessen (42,2 Prozent), 46 aus dem erlaubnispflichtigen Legalbesitz (2,6 Prozent), 46 ungeklärt. Für 2005 ergibt sich auf Basis von 1.719 Waffen fast dasselbe Bild: 62,7 Prozent erlaubnisfrei, 34,8 Prozent illegal besessen, 2,5 Prozent aus Legalbesitz.
Der unbequeme Teil gehört dazu und steht im Video ausdrücklich drin: Bei Mord und Raubmord wurden 2002 5 von 59 erfassten Fällen mit einer Legalwaffe begangen, beim Totschlag 7 von 82. Gemessen an den erfassten Fällen liegt der Anteil dort über dem Durchschnitt. Bei Raub und schwerem Raub war es keiner von 177.
Die eigentliche Nachricht kommt zum Schluss: Für die Gegenwart gibt es überhaupt keine amtliche Zahl. Im BKA-Bundeslagebild Waffenkriminalität 2024 steht wörtlich, dass die Kriminalstatistik weder differenziert erfasst, ob eine Schusswaffe erlaubnispflichtig oder erlaubnisfrei war, noch ob sie legal oder illegal war. Wer heute behauptet, Legalwaffen seien das Problem, hat dafür keinen aktuellen amtlichen Beleg. Für das Gegenteil gilt dasselbe, und genau so wird es im Video gesagt.
Zu den Bezugsgrößen: Die Tabelle bei Dobat, Heubrock und Stöter weist die Anteile in Fällen aus, nicht in Stückzahlen sichergestellter Waffen. Die im Video genannten 0,57 und 0,39 Prozent sind daraus errechnet und stehen so nicht in der Quelle. Sie setzen die Fälle mit tödlich eingesetzter Legalwaffe ins Verhältnis zu allen Taten der jeweiligen Deliktgruppe, Versuche eingerechnet.
Die Einordnung am Ende ist als Bewertung gekennzeichnet und nicht als Befund: Der kriminalpolitische Hebel liegt nach dieser Datenlage bei den erlaubnisfreien und den illegalen Waffen, nicht beim Inhaber einer Waffenbesitzkarte.
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Das Video zum Nachlesen
Wortlaut der geprüften deutschen Untertitel. Die Zeitangabe führt zur Stelle im Video.
0:00 Die Polizei stellt bei einer Straftat eine Schusswaffe sicher. Woher kommt die? Vom Sportschützen aus dem örtlichen Verein, vom Jäger, oder aus einer ganz anderen Ecke? Was meinst du? Lass uns gemeinsam anschauen, was die amtlichen Zahlen wirklich hergeben. Und genauso wichtig: was sie eben nicht hergeben. Fangen wir zuerst mit der Größenordnung an, damit wir überhaupt wissen, worüber wir hier sprechen. Laut dem "Bundeslagebild Waffenkriminalität" des Bundeskriminalamts für 2024 lag der Anteil der Delikte unter Verwendung von Schusswaffen bei 0,16 Prozent aller in der Kriminalstatistik erfassten Straftaten.
0:45 Dieselbe Quelle nennt für 2024: 4.685 Fälle, in denen mit einer Schusswaffe gedroht wurde, und 4.775 Fälle, in denen tatsächlich geschossen wurde. Diese beiden Kategorien darfst du nie verwechseln. Gedroht heißt laut Bundeslagebild schon, dass sich wenigstens ein Opfer subjektiv bedroht gefühlt hat. Das kann auch von einer Spielzeugpistole sein. Und die dritte Kategorie sind die Verstöße gegen das Waffengesetz selbst: 35.511 Fälle im Jahr 2024, ebenfalls nach dem Bundeslagebild.
1:29 Jetzt zur eigentlichen Frage. Dafür müssen wir zuerst die drei Waffen-Sektoren sauber auseinanderhalten. Sektor eins ist der erlaubnispflichtige Legalbesitz. Laut den Kennzahlen des Bundesverwaltungsamts aus dem Nationalen Waffenregister, Stichtag 31. März 2026, sind das 928.250 private Waffen- oder Waffenteilbesitzer mit 5.005.607 Schusswaffen. Sektor zwei sind die erlaubnisfreien Waffen. Schreckschuss, Reizstoff und Signal, aber nur wenn sie eine zugelassene Bauart haben und das Zulassungszeichen der PTB tragen. Dazu Druckluftwaffen bis 7,5 Joule mit dem F im Fünfeck. Erwerb und Besitz sind ab 18 grundsätzlich ohne Erlaubnis möglich. Bei den Druckluftwaffen hat der Gesetzgeber das im Juli 2025 aber eingeschränkt: Es kommt jetzt zusätzlich auf die Bauart an und darauf, wann das Kennzeichen zugelassen wurde. Und wer Schreckschuss, Reizstoff oder Signal außerhalb der eigenen Wohnung, der eigenen Geschäftsräume, des eigenen befriedeten Besitztums oder einer Schießstätte bei sich führen will, braucht dafür den Kleinen Waffenschein. Für Druckluftwaffen gilt der ausdrücklich nicht.
3:03 Von diesen Kleinen Waffenscheinen gibt es laut derselben Quelle zum selben Stichtag 915.506 Stück. Erlaubnisfrei heißt also nicht regelfrei. Sektor drei ist der illegale Bestand. Unregistriert, statistisch nicht verlässlich zu beziffern, und der Umgang damit ist strafbar. Wie hart, hängt davon ab, worum es geht. Wer eine ganz normale erlaubnispflichtige Waffe ohne Erlaubnis besitzt, riskiert eine Geldstrafe oder bis zu 3 Jahre Freiheitsstrafe. Bei verbotenen Waffen fängt der Rahmen erst bei 6 Monaten an und reicht bis 5 Jahren Haft. Und wer damit gewerbsmäßig oder als Bandenmitglied handelt, bei dem ist es in der Regel ein besonders schwerer Fall: Haftstrafe von 1-10 Jahren.
3:57 Und jetzt die Zahl, um die es geht. Sie stammt aus einer Fachveröffentlichung von Dobat, Heubrock und Stöter in der Zeitschrift Kriminalistik, Ausgabe 12 aus dem Jahr 2006. Für das Jahr 2002 wurden demnach bei 1.538 Fällen insgesamt 1.742 Schusswaffen sichergestellt. Erlaubnisfrei waren davon 912 Waffen. Das sind 52,4 Prozent, also mehr als die Hälfte. Ohne die erforderliche waffenrechtliche Erlaubnis besessen wurden 738 Waffen, also 42,2 Prozent. Aus dem erlaubnispflichtigen Legalbesitz stammten 46 Waffen: 2,6 Prozent. Bei weiteren 46 ließen sich die Besitzverhältnisse nicht klären.
4:57 3 Jahre später sieht das Bild fast identisch aus. Für 2005 nennt dieselbe Veröffentlichung Zahlen aus dem Bundesinnenministerium, auf Basis von 1.719 sichergestellten Schusswaffen. Davon waren 1.078 erlaubnisfrei, das sind 62,7 Prozent. 599 waren illegal besessen, 34,8 Prozent. Und 42 stammten aus dem Legalbesitz: 2,5 Prozent. Der BKA-Experte Leo Schuster sagte 2002 in der Anhörung des Innenausschusses, der Anteil legaler Waffen liege konstant bei etwa 4 Prozent, im Jahr 2000 sogar nur bei 3,4 Prozent. Er nannte ihn wörtlich "denkbar gering".
5:50 Bevor du diese Zahl jetzt überall weitererzählst, kommen drei ehrliche Einschränkungen von mir. Erstens die Grundgesamtheit. Gezählt werden nur Fälle, in denen tatsächlich eine Waffe sichergestellt wurde, nicht alle Straftaten mit Schusswaffe. Zweitens die Definition. Als legal zählt im Kern die Waffe des eingetragenen Besitzers. Der Wert ist damit eine Untergrenze für die Herkunft, aber ein gutes Maß für die Frage, ob Legalbesitzer selbst zu Tätern werden. Drittens das Datum. Die letzten amtlichen Aufschlüsselungen dieser Art stammen aus den Jahren 2002 und 2005. Das ist rund 20 Jahre her.
6:34 Und ganz grundsätzlich: Das sind Bestands- und Häufigkeitszahlen. Sie zeigen Zusammenhänge, sie beweisen keine Ursachen. Viel interessanter als der kleine Anteil ist eigentlich der große. Der wird in Debatten fast nie erwähnt. In derselben Anhörung von 2002 nannte Schuster die Zahl: 1.043 von 1.744 zu Straftaten benutzten und sichergestellten Schusswaffen waren Gas- oder Reizstoffwaffen. Wolfgang Dicke von der Gewerkschaft der Polizei bestätigte dort einen Gaspistolen-Anteil von 55 Prozent als Tatmittel im Alltag.
7:19 Und im Jahresbericht zur Waffen- und Sprengstoffkriminalität für 1999 gingen bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung 183 von 354 Fällen auf genau diese Waffenart zurück. Für Dicke, aber auch für die Vertreter der Jäger und der Schützen, war der registrierte private Waffenbesitz deshalb "überhaupt nicht das Problem". Jetzt wird es kurz unbequem, denn ein Durchschnitt verdeckt immer Unterschiede. Dieselbe Kriminalistik-Veröffentlichung schlüsselt das Jahr 2002 nach Delikten auf, auf Basis des Jahresberichts zur Waffen- und Sprengstoffkriminalität.
8:08 Bei Mord und Raubmord wurden 5 von 59 erfassten Fällen mit einer Legalwaffe begangen, 8,46 Prozent. Bezogen auf alle 873 Taten, Versuche eingerechnet, sind es dagegen 0,57 Prozent. Beim Totschlag 7 von 82 Fällen, 8,54 Prozent, bei 1.791 Taten insgesamt. Gemessen an den erfassten Fällen liegt der Anteil über dem Schnitt, und das gehört ehrlich dazu. Bei Raub und schwerem Raub dagegen: 0 von 177 Fällen. Kein einziger. Das BKA ordnete die Tötungsdelikte laut derselben Quelle zum großen Teil dem psychosozialen Nahfeld zu.
9:01 Und wie sieht es heute aus? Das ist für mich der eigentliche Skandal an diesem Thema. Im Bundeslagebild Waffenkriminalität 2024 steht wörtlich, dass in der Kriminalstatistik weder differenziert erfasst wird, ob eine Schusswaffe erlaubnispflichtig oder erlaubnisfrei war, noch ob sie legal oder illegal war. Im Klartext: Es gibt aktuell gar keine amtliche Zahl zu unserer Frage. Weder für unsere Seite, noch für die Gegenseite. Wer heute behauptet, Legalwaffen seien das Problem, hat dafür keinen aktuellen amtlichen Beleg. Und für das Gegenteil eben auch nicht.
9:43 Und die oft zitierten 20 Millionen illegalen Waffen? Das ist eine Schätzung aus dem Jahr 2004. Dieselbe Tabelle schätzte den Legalbestand auf 10 Millionen, registriert sind heute 5 Millionen. Behandle diese Schätzung also bitte entsprechend vorsichtig. Was bleibt? Jetzt kommt meine Einordnung, und die kennzeichne ich klar als Bewertung. Tatsache ist: In den letzten verfügbaren amtlichen Auswertungen kam die überwiegende Mehrheit der sichergestellten Tatwaffen nicht aus dem geprüften Legalbesitz. Tatsache ist auch: Den größten Anteil stellten die erlaubnisfreien Waffen, gefolgt vom illegalen Sektor.
10:32 Meine Bewertung: Der kriminalpolitische Hebel liegt genau dort, und nicht beim Inhaber einer Waffenbesitzkarte, der ohnehin Zuverlässigkeitsprüfung, Bedürfnisprüfung und Aufbewahrungskontrolle über sich ergehen lässt. Und dass wir für die Gegenwart überhaupt keine Zahl mehr haben, ist kein Detail. Eine Debatte ohne Daten ist keine Debatte, das ist Bauchgefühl mit Aktenzeichen. Vielen Dank fürs Zuhören. Bitte den Kanal abonnieren um zukünftig kein Video mehr zu verpassen. Bis zum nächsten Mal! Tschüss!
11:11 LLAP.
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